Brigitte Ulmer, Land der Bären

Posted by & filed under Texte.

LAND DER BÄREN

Der Grösste wirkt ein bisschen müde, die Arme schlaff nach beiden Seiten hängend, mit gebeugtem Rücken und gespreizten Beinen. Aber sonst ist alles da: der gütig wirkende Kopf, der gemütlich gewölbte Bauch, die Ohren, denen jedes Kind seine ersten Geheimnisse anvertraut. Da hockt er, zusammen mit fünf kleineren Artgenossen, ein übergrosser Teddybär, Symbol kleinkindlichen Aufgehobenseins. Zu fünft sassen sie so auf kaltem Betonboden, umringt von einer zweimeterhohen Kinderzimmertapete: In der Installation in der Luzerner Galerie Meile im Jahr 2003 trat man wie ein Gast in die eigene Kindheitsgeschichte ein.

Jeder von anderer Statur und Körpersprache, besteht die «Teddybären»-Serie (2001) aus zehn verschieden grossen Tieren. Verena Vanoli, die 1950 in Luzern geborene Künstlerin, hat mit ihnen präzise Metaphern geschaffen für Kindheitsgeschichten, verflossene Gefühle, für Geborgenheit. So vertraut einem die Form ist, so befremdend ist der «Pelz»: Flachgedrückte Gummischläuche, mehrfach ineinanderverschlungen, bilden die Oberfläche. Woran man sich gerne schmiegte, zeigt einem kühl die Schulter.

Verena Vanolis «Teddybären» sind vertraut und unheimlich zugleich. Vertraut, weil sich fast jeder an «seinen» Teddy erinnern wird. Unheimlich, weil diese hier so gesichtslos sind, ohne wärmendes Fell. Für eine Plastikerin und Skulpteurin, die seit den neunziger Jahren mit herkömmlichen Materialien wie Bronze, Holz, Beton und gebranntem Ton arbeitete, sind diese Stücke eine kleine Revolution. Der Impuls dazu kam Verena Vanoli im Traum. Sie hatte gerade die Arbeit «Verschlaucht» (2000) ausgestellt – eine siebenteilige Serie aus Bronze-Plastiken, deren Ursprung in bizarren Figuren aus verschlungenen Fahrradschläuchen lag und ein weites Feld für Assoziationen steckte. Einzelne, an gefesselte Köpfe erinnernde Plastiken lösten bei einer Ausstellungsbesucherin Bestürzung aus. Die Reaktion, die der Künstlerin nicht verborgen blieb, entfaltete im Unterbewusstsein ihre volle Wirkung: Vanoli träumte von einem übergrossen gütigen Teddybär.

Am nächsten Tag begann sie mit der Bärenserie. Mit Fahrradschläuchen hatte sie da bereits hantiert. Es mussten nur noch Bären beschafft werden. Es ist diese Kombination aus emotional aufgeladenen Stofftieren und lapidaren Fahrradschläuchen, die diese verblüffende Wirkung erzielen. Objects trouvés, Alltagsgegenstände und «arme» Materialien rezykliert Verena Vanoli mit Raffinesse. Das Ergebnis sind Objekte, die keinen kalt lassen. Da sitzen sie, wie ferne Boten aus einem andern Land, das wir irgendwann zurückgelassen haben. Das Land heisst Kindheit, und mit uns lebten da Feen und Könige, Prinzessinnen und Drachen – all die Metaphern für das, was im Erwachsenenleben unsere Wege kreuzen sollte. Wir stehen ein bisschen fassungslos davor: vor unserer sorgsam verpackten Kindheitsgeschichte.

Brigitte Ulmer

 

Text als PDF runterladen