Dr. Stefanie Dathe, Entfremdung eines Freundes

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ENTFREMDUNG EINES FREUNDES
zu den Teddybären von Verena Vanoli

Es gibt ihn in den verschiedensten Größen, Farben, Formen und so manchem ungewöhnlichen Kleid: den Teddybär. Seit Generationen ist er aus den Kinderzimmern nicht mehr wegzudenken. Als unverzichtbarer Spielgefährte wird er geliebt und geherzt, gehegt und gepflegt, umsorgt und verwöhnt, um zugleich geschimpft, misshandelt, getreten, verbannt und eines Tages ausrangiert und achtlos in die Ecke geworfen zu werden. Wehr- und willenlos ergibt sich das kuschelige Stoff- tier aus weichem Plüsch in sein Lebensschicksal. Mit seinem sanftmütigen Lächeln und seiner tapsigen Unbeholfenheit weckt es Gefühle elterlicher Fürsorge und partnerschaftlicher Verbundenheit. Und in Notzeiten voll Angst und Einsamkeit bleibt es der letzte, beste und einzige Freund.
Der Teddybär, dieser stumme Freund, der Anteil nimmt an einem ganzen Leben, dieser ver-schwiegene Zeuge von Glück und Unglück, Freud und Leid steht im Mittelpunkt eines neuen Werkzyklus’ von Verena Vanoli. In Bewegungslosigkeit erstarrt besetzen große und kleine Bären den grauen Teppichflor einer Raumecke. Mumienkörpern gleich, welche zum Schutz vor Verwesung in Binden gehüllt werden, umfängt die Teddybären ein engmaschiges Geflecht aus schwarzen Gummischläuchen. Augen, Ohren, Nase und Mund, sämtliche Gliedmaßen und auch der Rumpf sind verbunden, eingebunden, umwickelt und gefesselt in einer unentwirrbaren Zwangsjacke aus elastischen Bandagen. Erschreckend und befremdlich erscheint der Blick auf die verhüllten Tiere. Ihr Zustand könnte dem hemmungslosen Gestaltungsdrang zarter Kinderhänden zu verdanken sein. Und doch ist er das Werk einer Künstlerin.

Nachhaltig fordert das zarte figurative Streumuster, mit welchem die Rückwände der Raum-installation partiell dekoriert worden sind, seine Aufmerksamkeit ein: Verena Vanoli gruppiert das unvollendete Ringelreihen ihrer Teddybären in einem szenischen Kontext, der romantisierende Erinnerungen an Kinderzimmergeschichten weckt. Auf unbeflecktem Teppichboden vor einer zauberhaften Märchentapete beschwört die Silhouette der Stofftiere eine jungfräuliche Unantastbarkeit und nichts ahnende Unbekümmertheit. Doch unter der Hand der Künstlerin haben die Spielgefährten die anschmiegsame Fügsamkeit ihres weichen Faserpelzes gegen abweisende Gummifesseln eingetauscht. Als Relikte aus fernen Kindertagen und Reliquien aus einer Welt der unbeschwerten Träume scheinen sie nun – ihrer Sinneswahrnehmungen beraubt – für die Leichtigkeit des Seins büßen zu müssen. Befremden trifft den Betrachter.

Mit ihrem künstlerischen Eingriff, der die Welt der vertrauten Gegenständlichkeit nur wenig, aber doch entscheidend verändert, vollzieht Verena Vanoli eine Irritation des Alltäglichen. Im Sinne des Brechtschen Begriffs der Entfremdung enthebt sie die Selbstverständlichkeit ihrem ursprünglichen Erwartungshorizont. Die bandagierten Teddybären fallen auf, besonders, wenn sie in skulpturaler Überhöhung aus Messing gegossen oder in entrückter Isolation auf hohen Sockeln platziert den voyeuristischen Blicken der Ausstellungsbesucher Stand halten müssen. Gerade hier, auf den zottelig, leuchtend neonfarbig bezogenen Plüschsockeln wird die ganze Tragweite ihres Sinnverlustes offensichtlich.

Lautlos begleitet der Teddybär das Verhalten seiner Menschen. Als geschlechtsloses Gegenüber befördert er das kindlich nachahmende Rollenspiel in der Erfahrung gesellschaftlicher Normen. Als idealisiertes Vorbild dient er der Erprobung unterschiedlichster Formen der Identifikation, der Projektion und Übertragung verdrängter, unausgesprochener Befindlichkeiten – bis weit ins Erwachsenenalter hinein.

Stumm sich selbst offenbarend sprechen Verena Vanolis schwarze Gummibären in ihrer körperlichen Bedrängnis von einer Relativität der Werte und Vorstellungen, von Abschrecken und faszinierender Verlockung, von zweckgerichteter Beziehung und ideeller Individualisierung, von unerfülltem Liebesanspruch und seelenvollem Geheimnis.

Verena Vanoli, die in ihrer Kunst weder dem Kitsch noch dem Objektfetischismus huldigen möchte, beansprucht für ihren Teddybären-Zyklus ein populistisches Vokabular, welches in betontem Selbstbezug sowohl die Attitüden der Erwachsenenwelt als auch des kindlichen Spiels thematisiert. Die alltägliche Dingwelt erscheint hier mit ihren assoziativen, synästhetischen Eigenschaften und ihrem individuell wesenhaften Charakter als ein Manifest des Da-seins, an dem sich das Nachdenken über Identität, Zeit und Künstlichkeit, Authentisches, Echtes und Falsches entzündet.

Dr. Stefanie Dathe, 2004

 

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