Erna Romeril, Fahrradschläuche statt Kuschelfell

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FAHRRADSCHLÄUCHE STATT KUSCHELFELL

In der Galerie Peter Vann in S-chanf  ist zurzeit eine Ausstellung zu sehen mit dem Titel «Der Teddybär und andere Objekte aus dem Gummischlauch». Verena Vanoli stellt ein gutes Dutzend Teddybären aus, die vollständig mit Gummischläuchen umwickelt sind und den Betrachter irritieren.

Plüschbären kennt jeder, da sie in jedem Kinderzimmer anzutreffen sind. Für manches Kind ist sein Lieblings-Kuscheltier der grösste Freund, dem man alles anvertraut und den man überall mitnehmen will. Nicht wenige Kinder schlafen ohne ihren Teddybären nicht ein und in nicht wenigen Estrichen oder Kellern findet man auch noch sorgfältig aufbewahrte Plüsch-Freunde der Eltern oder sogar Grosseltern.

Wickelmaterial Fahrradschlauch
Umso mehr irritiert deshalb die Ausstellung, wenn man diese vertrauten Kuscheltiere mit schwarzen Fahrradschläuchen umhüllt sieht. Und doch freundet man sich mit ihnen an, je länger man sie in der Engadiner Stube der Galerie Peter Vann anschaut. Der Grösste, über einen Meter gross, sitzt am Boden und scheint etwas müde, ein anderer sitzt auf einem Stuhl, zwei sind auf dem Klavier, weitere auf dem Tisch und einer streckt genüsslich alle Viere von sich auf den Boden. Das wäre an und für sich eine «herzige» Situation, wären die Teddybären nicht so erschreckend und befremdend mit schwarzen, flach gedrückten Gummischläuchen umschlungen. Umhüllt erinnern die Kuschelbärchen nämlich eher an eine Mumie oder an die gefesselte Person auf den «Amnesty International»-Plakaten in ihrer Kampagne gegen Folter, als an die flauschigen Lebensbegleiter kleiner Kinder.

Verena Vanoli ist selbst Mutter von drei erwachsenen Kindern. Sie wohnt im Kanton Luzern und in Frankreich und hat verschiedene Kunstwerke geschaffen. Allerlei Alltagsobjekte hat sie schon umhüllt, von Strohballen über Stühle bis zu abstrakten Gegenständen. Ihr Werk umfasst auch Fotografien und Abgüsse dieser umhüllten Formen. Ihr bevorzugtes Wickelmaterial ist seit einiger Zeit der Fahrradschlauch, mit welchem sie gekonnt und kunstvoll ihre Objekte umhüllt.

«Irritation des Alltäglichen»
Was Vanoli mit den umhüllten Teddybären darstellen will, muss jeder Betrachter für sich selber entdecken. Sind es aufgearbeitete, traumatische Kindheitserinnerungen? Soll der Kontrast zwischen etwas sehr Vertrautem und etwas richtig Abschreckendem dargestellt werden? Oder will die Künstlerin aufzeigen, wie nah diese zwei Formen zueinander liegen können? Klar ist, dass die Objekte polarisieren, die «Irritation des Alltäglichen», wie sie in der Werkdokumentation genannt wird, wird mit diesen uns vertrauten, jedoch gesichtslosen Teddybären, die bedrohlich umhüllt und ohne wärmendes Fell und neugierige Knopfaugen dastehen, auf die Spitze getrieben. Verena Vanoli gilt als eine kühle Beobachterin des Zeitgeschehens und auch ihre ausgestellten Objekte in der Galerie Peter Vann lassen niemanden einfach kühl.

Romeril, Erna, Fahrradschläuche statt Kuschelfell, in: Engadiner Post, St. Moritz, Nr. 119, 3.1.12, S.2, ill.

 

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