Peter Killer, Bildermachen heisst Fragen stellen

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BILDER MACHEN HEISST FRAGEN STELLEN

«Schein hat mehr Buchstaben als Sein» steht am unteren Rand meiner auf der heutigen Tagesseite, 10. August 2006, aufgeschlagenen Agenda. Autor ist der Wiener Publizist, Satiriker, Aphoristiker, Dramatiker Karl Kraus (1874–1936). Seine Feststellung provoziert die Frage, die wir beantworten sollen, ob der Schein nicht nur von der Buchstabenquantität her einen Vorrang gegenüber dem Sein hat.

Schein und Sein, das Vordergründige und das Hintergründige, das Sichtbare und Versteckte, das Evidente und das Mysteriöse – das sind Themen, die auch Verena Vanoli seit Jahren beschäftigen. Auch eine ihrer neusten Arbeiten, «sackstark» situiert sich in diesem Inhaltskomplex. Wer sich dieser Arbeit nähert, sieht ein etwa 1 Kubikmeter grosses, an der Decke aufgehängtes, länglich rundes Gebilde, das man mit einer Abbruchbirne in Verbindung bringen könnte, jenen Eisen- körpern, die an einem Baggerarm pendelnd, Mauern zum Einsturz bringen. Die erste Assoziation führt in die Irre. Denn nicht mit einem Körper aus hartem Metall haben wir es zu tun, sondern mit einem mit Gummi ummantelten. Aha, ein Punchingball für Kickboxer! Die Gedankenverbindungen bleiben also im Bereich des Aggressiven. Sie werden unterstützt durch die ausnahmsweise alles andere als kunstvolle Fixierung der schwarzen Gummischläuche. Dieses Werk erweckt den Eindruck, als sei nach einer gewalttätigen Manipulation der Mantel behelfsmässig wieder angebracht worden.

Die Gummibirne ist oben geöffnet. Leise, einschmeichelnde Musik klingt einem entgegen. Der Blick ins Innere könnte zum Äusseren nicht kontrastreicher sein. Am Grund eines mit schwarzem Samt ausgekleideten Hohlzylinders befindet sich ein Monitor, auf dem ein von Verena Vanoli eigens geschaffener Film zu sehen ist: Ballone, rosa, hellblau, hellgrün. Hier das Leichte, Schwebende, Bunte, Weib-liche – dort das Schwere, Lastende, fast bedrohlich Düstere, Männliche. Doch mit sprichwörtlichen Pseudotiefsinn wie «Harte Schale – weicher Kern» will sich

die Künstlerin nicht begnügen. Banalweisheiten und moralisierende Sprüche sind ihr suspekt. Die digitale Idylle wird gestört. Die spitzen Absätze der schwarzen High Heels von Verena Vanoli bringen die Ballone lautknallend zum Platzen…

Um einen weniger augenfälligen und lautlosen Kontrast geht es beim Werk «Winterschutzfolie für die Installation ‹Musen›» (2005). Verena Vanoli hat die Detailaufahme eines gummiummantelten Teddybären zweifach axial gespiegelt, so dass ein neues Gesicht entsteht. Auf einen Blachenkubus aufgedruckt, sind wir mit einer strengen Form konfrortiert, deren Striktheit aber durch das Flechtwerk aufgelöst wird. Geometrisch Konstruiertes und in aller Freiheit Geformtes werden zur Einheit.

Im Jahr 2002/2003 hat Verena Vanoli an der Gruppenausstellung «Kunst im Kanton Schwyz» im Forum der Schweizer Geschichte, Schwyz, teilgenommen. Ihr Beitrag war die spektakulärste und wohl auch einprägsamste aller Eingaben. «Global vernetzt» nannte sie ihre elf Meter hohe Wandinstallation. Sie bestand aus zu einer Kette verbundenen Holzkistchen, die sie mit Gummischläuchen überflochten hatte, durch die grüne, gelbe und rote laufende Lichtbänder gezogen waren, die sich am Boden zu einem ringartigen Gebilde verdichteten. Die bunte, leuchtende Scheinwelt des Lunaparks und der Lichtreklamen! Hatte die Künstlerin die Dekoration zum Fest geliefert, an dem die Wirklichkeit gewordene Vision des global village von Marshall Mc Luhan gefeiert wurde? Sicher nicht. Der penetranten Didaktik abgeneigt, wollte die Künstlerin die Assoziationen der Betrachterinnen und Betrachter nicht in eindeutige Bahnen zwingen. Aber dass der schöne Schein der digitalen Reize und das globale Miteinander-Sein zweierlei sind, teilte dieses Werk implizit mit.

Im Jahr 2004 entstand parallel zur plastischen Arbeit «Auf fernen Inseln» ein Tonkurzfilm, der mit wunderschönen, chromatisch manipulierten Landschafts- aufnahmen zu enden scheint. Traumwelten – eben, die Sehnsüchte nach «fernen Inseln» – öffnen sich einem da. Landschaftsaufnahmen? Was wir sehen, sind

die Reste eines im Film allmählich schmelzenden Wachsabgusses eines einban-dagierten, roten Teddys! Wiederum gilt, dass Sein und Schein zweierlei sind. Und Verena Vanoli zeigt gleichzeitig, dass das vom Schein befreite Sein (hier durch die anfänglich intakte Wachsfigur symbolisiert) keineswegs von eindeutiger Begrifflichkeit sein kann, sondern sich uns metamorphierend entzieht.

Seit kurzem ist im Zentrum von Goldau eine monumentale Arbeit von Verena Vanoli zu sehen. Sie ist das Resultat eines Wettbewerbes zur Gestaltung des Zentrums eines Verkehrskreisels, eines Wettbewerbs, der im Rahmen der

Veranstaltungen von «200 Jahre Goldauer Bergsturz» durchgeführt wurde. Drei Künstlerinnen und Künstler sollten die Möglichkeit bekommen, je eine Wand eines prismatischen Körpers mit dreieckigem Grundriss zu gestalten. Diese

kantige Säule hat die beachtliche Höhe von gegen acht Metern.

Als inspirierende Vorlage benutzte Verena Vanoli alte Bilder, die die schreckliche Gewalt und Dynamik des Bergsturzes zeigen. Sie schuf aus Schlauchmaterial ein Relief, in dem sowohl die Bewegung der tosend in die Tiefe donnernden Steine als auch die überdauernde Ruhe versteinerter Blumen (wie man sie am Ross-berghang findet) ausgedrückt wird. «In meiner Arbeit ist die Bewegung wichtig. Die Bewegung als Akt der Zerstörung und der Entstehung von Neuem – der Veränderung» sagt die Künstlerin.

Dieses Relief hat sie – bewusst mit Schärfe und Unschärfe spielend – so foto-grafieren und vergrössern lassen, dass das Bild im öffentlichen Raum eine Präsenz entwickelt, die vom Autofahrer noch wahrgenommen werden kann, aber auch auf jene Betrachter wirkt, die sich Zeit zur eingehenderen Betrachtung nehmen.

Peter Killer

 

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