Severine Cattin, Wenn sich die Aussage hinter der Blume versteckt

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WENN SICH DIE AUSSAGE HINTER DER BLUME VERSTECKT

In ihrer Einzelausstellung in der Galerie Une in Auvernier, stellt uns die Künstlerin Verena Vanoli eine psychedelische und aus Kautschuk gemachte Vision zum Thema Blumen vor. Es ist eine Kunst der Doppeldeutigkeit, in der ein Bild das nächste in sich birgt.

Was wäre unser Alltag ohne Blumen, die ihn schöner machen? Zugänglich und von einzigartiger Schönheit, sind Blumen seit jeher ein beliebtes Motiv von Künstlern. Was aber geschieht, wenn dieses Motiv, das man leicht auch als zu lieblich abtun könnte, mit dem Radikalismus zeitgenössischer Photografie zusammen stösst? Die Künstlerin Verena Vanoli schlägt in der Galerie Une in Auvernier eine halluzinierte Vision vor. In der Nachfolge traditioneller Stillleben, in denen Blumen als Symbol für die Flüchtigkeit von Schönheit verstanden werden, wird hier ein neues Verständnis der Blume geltend gemacht: Sie wird zu einer idealen Projektionsfläche, welcher der Künstlerin erlaubt, ihre doppelten Wahrnehmungen auszudrücken.
Seit vielen Jahren arbeitet Verena Vanoli mit Fahrradschläuchen, ihrem Lieblingsmaterial und haucht so diesen nutzlos gewordenen Schläuchen aus schwarzem Gummi ein zweites Leben ein. Ihrer Vorstellung entspringen monumentale Blumen, umgeben von Fahrradschläuchen, wie wenn sie angekettet oder gefangen wären, aber auch Stühle und andere Alltagsgegenstände. In ihrer ersten Einzelausstellung in der Galerie Une stellt die Künstlerin jedoch ihre jüngsten Blumenfotografien vor.

Verena Vanoli widerspricht den klassischen Wahrnehmungscodes und stellt mit subtilen Mitteln die Komplexität des Mediums in den Mittelpunkt, das gewohnte Feld der Fotografie verlassend. Im Zentrum der Werke steht der Akt des Sehens, die Art der Wahrnehmung. Die Künstlerin appelliert an die ganze ästhetische Kraft des fotografischen Bildes, um erst die Neugierde des Betrachters zu wecken und ihn gefangen zu nehmen, und ihn dann, Schritt für Schritt, auf das Gelände der Bildkonstruktion mit zu nehmen. Auf diese Weise beginnt der Betrachter plötzlich, auf den floralen Visionen weitere, leuchtende Bilder wahrzunehmen, die sich allmählich seinem Auge offenbaren: Stillleben aus Fahrrad Schläuchen etwa oder religiöse Prozessionen aus Mexiko. Im Werk ‘Ciudad de Mexico’ beispielsweise scheint im Herzen einer wunderbaren weißen Blume eine Luftaufnahme von Mexiko City auf, transparent und wie eine Halluzination. Während eines Aufenthalts in Mexiko hat die Künstlerin ein Repertoire an Bildern zusammen gestellt, aus denen sie Montagen konstruiert, in Form von Gegenüberstellungen und Überlagerungen. Indem sie doppelte Wahrnehmungen ermöglichen, erzeugen Vanolis Werke eine Mischung von spirituellen Gefühlen. Ihre poppig farbigen Blumen wirken manchmal mystisch, etwa wenn sie eine Fotografie von einer schweigsamen, religiösen Prozession aufscheinen lassen, oder traumartig, wenn sie Landschaften aus Schnee und Eiskristallen enthüllen. Genauso wie die Fotografien von Verena Vanoli den Raum strukturieren und zur Meditation anregen, erinnern sie auch an die Effekte von psychedelischen Lightshows aus den späten 1960er Jahren. Seit ihrem Comeback durch Andy Warhol hat die Blume als beliebtes Motiv die Ateliers nicht mehr verlassen und wurde von einigen der ganz großen Künstlern sogar bis zur Obsession kultiviert. Und wie wir hier sehen können, hat sie auch subtil und in atypischer Form den Raum der Galerie Une erobert.

Cattin, Séverine, L‘image se dissimule derrière la fleur, in: L‘Express, Neuchâtel, 16.10.10, S.13, ill.

 

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